"Sollten alte Bekanntschaften vergessen sein?" Nein, natürlich nicht! Vielmehr ist das natürlich die erste Zeile des traditionellen Silvester-Liedes "Auld Lang Syne". Vergessen wird sicher niemand. Dies wird also definitiv mein allerletzter Blog-Eintrag für 2009 sein, versprochen! Ich bin einigermaßen stolz darauf, dass ich es bisher auf 34 Einträge gebracht habe und weiterhin regelmäßig elektronisches (und öffentliches) Tagebuch führe. Das lässt nicht nur euch viel einfacher an meinem Leben in Cleveland teilhaben, sondern hilft auch mir meine Erinnerungen niederzuschreiben und für die Zukunft zugänglich zu machen. Nun aber wie gewohnt eins nach dem anderen. Die Tage nach Weihnachten waren hier ganz wunderbar entspannend und schön mit der Familie und Freunden. Am zweiten Weihnachtsfeiertag haben mich Nancy und Bob mittags abgeholt um ein paar Erledigungen zu machen. Im Endeffekt saßen wir nur im Auto und sind durch die Gegend gegurkt, aber immerhin habe ich ein Hemd gefunden (runtergesetzt von 42 auf $8, das sind grade mal 6€...) und am Nachmittag sind wir ins Kino gegangen und haben Sherlock Holmes gesehen. Abends gab es dann eine riesige Menge an Essens-Kleinigkeiten, Sauerkraut mit Wurst, kleine Pizzen, Pommes, Knobi-Baguette, Garnelen und all so Zeug. Dazu bot mir Bob unglaublich guten Wein an, einen besseren (und teureren) hatte ich bis dato nicht getrunken. Aber es war ja immerhin Weihnachten, da kann man auch schon mal tiefer in die Tasche greifen. Mit Luke spielte ich dann bis in die späte Nacht hinein auf der Wii und war dementsprechend platt in der Kirche am nächsten Tag. Dass der Redner diesen Sonntag dann auch noch ein "brillianter Rethoriker" war und uns anbrüllte dass wir Gott gehorchen müssen machte den Morgen nicht unbedingt besser...Nach der Kirche ging es dann mal wieder zu Nancy, wir aßen die Reste vom Vortag, spielten Wii und abends gab es hausgemachte Calzone. Irgendwann hatte man dann das Gefühl die Tage laufen ineinander über, so ähnlich waren sie sich, aber es war schön mit der Familie zusammenzusein und keine Arbeit zu tun zu haben. Sogar Opi war in einigermaßen guter Stimmung und hatte Spaß am Wii-Bowling und -Tennis. Außerdem brachten wir Luke Skat bei, was auf Englisch gar nicht so einfach ist, und spielten das dann auch ausgiebig.
Am 28. war es dann Zeit, etwas von dem vielen Essen der letzten Tage abzuarbeiten und die basketballfreie Zeit war vorbei. Statt Training gab es allerdings ein kleines Turnier 3 gegen 3, an dem jeder teilnehmen konnte. Ich stellte eine Mannschaft mit 3 meiner Schüler zusammen, mit der wir zwar 7 von 8 Spielen verloren, aber viel Spaß hatten. Der Zähler für die verbrannten Kalorien ratterte und alle waren bei bester Laune. Dumm nur, dass es abends mit dem Essen weiterging. Mit allen Markoviches und Omi war ich bei einer befreundeten Familie zum Fondue eingeladen. Die Familien treffen sich traditionell zu Weihnachten, bescheren sich und essen zu viel. So gab es ein traditionelles Käsefondue zur Vorspeise, dass ich Amerikanern gar nicht zugetraut hätte. Mit feinem Gruyere-Käse, Kirschwasser und allem drum und dran... Das hätte wohl eigentlich gereicht, dann kam aber Fleisch-Fondue als Hauptgang mit Rind, Huhn, Garnelen und Elch(!), nebst Gemüse und Kartoffeln. Um dem ganzen die Krone aufzusetzen wurde als Nachtisch, ihr ahnt es schon, Schoko-Fondue aufgetischt. Ich will mich ja nicht beschweren, es war alles unglaublich lecker, aber ein bißchen weniger hätts dann schon sein können. Fondue ist wohl das schlimmste aller Gerichte, weil man ja so schlecht nachvollziehen kann was man schon gegessen hat und man immer noch mal ein kleines Stückchen dies und das nachlegt.
Am Liebsten würde ich den nun folgenden Tag ausblenden, immerhin wurde ich ein viertel Jahrhundert alt, aber es hilft ja alles nichts... Ungefähr eine Minute nachdem ich aufgestanden bin und meinen Laptop hochgefahren habe erreichte mich dann auch schon der erste Anruf und von da an war ich ununterbrochen mit Telefon, Mails und Nachrichten auf diversen sozialen Netzwerken beschäftigt. Das ging wirklich Stunde um Stunde und irgendwann fühlte ich mich wie mein eigener Sekretär, der ständig Nachrichten beantworten musste. Natürlich habe ich mich aber riesig gefreut über alle Nachrichten die ich empfangen durfte. So viele liebe Freunde aus der Heimat haben an mich gedacht, das war wirklich toll. Keine Angst aber, ich bin nicht den ganzen Tag vor dem Laptop versauert. Abends sind wir mit den üblichen Verdächtigen Essen gegangen und als Nachtisch hat mir Nancy eine Schwarzwälder Kirschtorte gebacken. Die von Oma ist natürlich besser, aber Nancys Version war deutsch und gut genug um mir den Abend zu versüßen. Ich hatte also keine große Party, aber das war dieses Jahr auch in Ordnung so. Nach den vielen Zusammenkünften zu Weihnachten war auch niemandem wirklich danach groß zu feiern.
Gestern lud mich Bob dann als weiteres Geburtstagsgeschenk noch zu Sushi ein. Wir bestellten wesentlich zu viel und mussten nach der Hälfte aufgeben, aber die 40-Minuten-Fahrt lohnte sich total, das Sushi war ganz ausgezeichnet. Danach fuhren wir noch durch die Flats und Tremont, zwei Stadtteile auf der Westseite der Innenstadt die ich bisher noch nicht kennengelernt hatte und die ein sehr nettes Flair haben. Die Flats waren alte Industriegebäude am Ufer des Cuyahoga Rivers, die in den letzten 20 Jahren aufpoliert wurden und jetzt Nacht- und Kulturleben beherbergen. Tremont ist dagegen ein fast schon europäisch wirkendes Eck mit kleinen Häusern, großen Bürgersteigen, Läden in ungewöhnlicher Laufnähe, guten Restaurants und vielen Grünflächen. Wenn ich in Cleveland wohnen würde, wäre es wohl am ehesten dort.
Heute neigt sich nun das vergangene Jahr zu Ende, 2009 ist vorbei, das erste Jahrzehnt im dritten Jahrtausend nach Christ Geburt "geschafft". Wir feiern, wie könnte es anders sein, im Familienkreis, der wir immer nicht unbedingt klein ist. Ich mache später Knoblauchbaguettes und Flammkuchen für unser Buffet, ansonsten bringt jede Familie etwas mit und wir lassen uns überraschen was letztendlich auf dem Tisch landet. Irgendwer wird auch sicher eine Wii dabei haben, für Alkohol habe ich auch gesorgt, sicher wird es aber keine Halligalli-Party wie manches mal in Deutschland. ;)
Das vergangene Jahr war für mich ein ganz wunderbares, zunächst die Konzertreisen nach London und New York mit der ECA, die tollen Erfahrungen mit den Musketieren, ein wunderschöner Sommer in Mainz und schließlich der erste Teil meines Abenteuers Amerika, mit 2 schönen Wochen in New Jersey, Ausflügen nach New York und Philadelphia, Musicalbesuchen, Konzerten mit dem Cleveland Orchestra, einer fantastischen Gastfamilie und vielen unvergesslichen Erfahrungen. Ich bin dankbar für dieses Jahr und allen die mich darin begleitet haben und es durch ihre Unterstützung möglich gemacht haben. Was ich mir und euch für 2010 wünsche schreibe ich in der nächsten Mail, bis dahin erst mal einen guten Rutsch und Happy New Years Eve!



