Mittwoch, 20. Januar 2010

Seek him that maketh the seven stars

Hm, ein bißchen hab ich schon ein schlechtes Gewissen. Ganze 12 Tage ist es her, dass ich hier zuletzt geschrieben habe. Und doch, so richtig viel ist in den letzten zwei Wochen nicht passiert. Eher im Kleinen gab es ein paar Neuerungen, im ganz Alltäglichen. Davon werde ich versuchen ein wenig zu berichten, auch wenn das nicht so einfach unterhaltsam zu schreiben ist wie ein ereignisreicher Ausflug oder was auch immer. Ein bißchen unmotiviert war ich auch hier zu schreiben, weil in der letzten Zeit nicht so wirklich viel Feedback kam. Und mit Feedback meine ich Kommentare, Nachrichten, Anrufe oder sonstige Ausdrucksweisen von Teilhabe an meinen Berichten und Erlebnissen hier. Das soll um Himmels Willen kein Vorwurf sein, aber es ist schon einfacher einem interessiertem und aktiv teilnehmendem Publikum zu schreiben als einfach nur seine Gedanken in den leeren Raum zu stellen.
Wir befinden uns also nun in der letzten Woche des Halbjahres und ich kämpfe minder erfolgreich darum noch Klausuren in dieser Woche abzuschließen und Noten zusammenzubekommen. Mit nächster Woche ist dann wohl auch offiziell Halbzeit! Die Hälfte hinter, die Hälfte vor mir, schon so viel auf das ich zurückschauen kann und noch so viel auf das ich mich freue! Letzte Woche war es mir aber dann auch ein bißchen viel mit allem hier und ich hab mich die Woche etwas zurückgezogen. Vielleicht habe ich einfach ein bißchen Muffensausen weil ich das Wintersemester schon nahen sehe und ich auch hier meinen deutschen Verpflichtungen nachkommen muss. So versuche ich also meine beiden Parallelwelten geregelt zu bekommen und noch habe ich die Hoffnung nicht verloren, dass ich im Sommer meine Examensarbeit schreiben werde. Das von hier aber anzuleiern ist ganz schön ätzend, ich bekomme ja noch nicht mal eine 8 Seiten Hausarbeit geschrieben. Dafür habe ich hier eben nen Vollzeitjob und bin auch darüber hinaus eingespannt. Die Baskettballsaison ist im vollen Gange und ich trainiere nicht nur wann immer ich kann mit den Mädels, sondern sitze auch immer wenn ich gebraucht werde als Punktezähler am Offiziellen-Tisch oder als Assistenten-Coach auf der Bank. In zehn Jahren findet ihr mich also nicht wie vielleicht erwartet den Schulchor dirigierend, sondern vielleicht eher als Basketballtrainer, wer weiß!?!
Bis dahin ist jedenfalls noch einiges zu tun, zuerst mal das halbe Jahr hier hinter mich bringen. Das klingt nun etwas negativ, genieße meine Zeit hier immer noch, vor allem wenn ich bei einer der Familien abhänge. Daheim mit Opi und Omi ist es zwar auch ganz okay, aber Opi strauchelt wirtschaftlich grade ein bißchen und damit geht es beiden nicht so gut. Das Problem mit Opis Finanzen ist, dass er das meiste, oder gar alles Kapital in Immobilien herumsitzen hat, die aktuell keiner kaufen will. Er liebt es, Land zu besitzen, hat aber irgendwo auf dem Weg zum Millionär versäumt, sich eine Altersvorsorge anzulegen. Daher arbeitet er jetzt auch noch mit Mitte 70 täglich und aktuell plant Omi, ihren neuen Cadillac zu verkaufen und das Auto das im Ferienhaus in Florida steht nach Cleveland zu bringen. Dementsprechend ist also die Stimmung daheim, außerdem mache ich grade vielleicht eine etwas aufsässige Phase durch und stelle gerne mal Dinge in Frage und sage meine Meinung vielleicht ein klein wenig zu laut. Deswegen gibts dann auch mal die ein oder andere Belehrung mit dem Zeigefinger. Aktuellstes Thema: Kann man, wenn man mal verheiratet ist, noch einen besten Freund des anderen Geschlechts haben, der nicht gleich der Ehepartner ist? Da gehen unsere Meinungen dann doch auseinander und ich halte eben nicht mehr meine Klappe...
Die Bibelgruppe mittwochs abends habe ich fürs erste auch abgesagt, nicht ersatzlos aber, ich treffe mich nun samstags mit einer sehr viel kleineren Gruppe die weniger pipapo betreibt und wirklich die Bibel "studiert". Wen interessiert, mit was wir uns da zur Zeit befassen, dem lege ich den dazugehörigen Artikel auf Wikipedia ans Herz: Dispensationalismus. Dadurch hat sich in meinem Glauben auch wieder etwas getan, weil die theologische Richtung in der wir die Bibel lesen eigentlich dem, was ich schon immer geglaubt habe. Dass nämlich nicht jeder Vers wörtlich zu nehmen ist (Dogma), sondern im Zusammenhang der gültigen Dispensation zu interpretieren ist. Ich hätte wohl also doch Theologie studieren sollen, es hat mich grade schon ein bißchen gepackt. Wobei, ich glaube immer noch dass ich als Lehrer wunderbar aufgehoben bin, und da ich ja auch nicht katholisch bin durch die "Priesterschaft aller Gläubigen" mich auch weiter in diese Richtung entwickeln kann. Es wäre jetzt vielleicht ein bißchen übertrieben zu sagen: "Macht euch keine Sorgen", aber ich habe schon aus einigen Kommentaren und zwischen den Zeilen lesen können dass meine neu entdeckte Spiritualität auf Skepsis in der alten Welt trifft. Ich glaube in mir hat sich so viel nicht geändert, aber ich habe schon viel gelernt und im Gegensatz zu einer Umgebung in Deutschland in der eine christliche Einstellung vielleicht sogar eher entmutigt wird, wird sie nun hier eben stark ermutigt und vertieft. Oder um die Bibel zu zitieren: "Denn ich bekenne mich offen und ohne Scham zu dieser Botschaft: Sie ist ja Gottes Kraft und rettet jeden, der ihr glaubt." (Römer 1,16)
Da ich nun nicht mehr mittwochs in die Bibelgruppe gehe habe ich endlich mal wieder einen Abend der Woche richtig frei. Heute verbringe ich ihn bei Bob und Nancy, ich koche Jägerschnitzel, wir schauen American Idol (die wesentlich bessere und unpeinlichere amerikanische Variante von Deutschland sucht den Superstar) und ich bereite mich für unsere Samstagsgruppe vor. Im Spätsommer plane ich übrigens fest einen Aufenthalt in Taizé, vielleicht hat ja jemand Lust mitzukommen?!?
Ansonsten gibt es nicht so viel neues. Anfang der Woche hat das Cleveland Orchestra gestreikt wegen neuer Lohnabschlüsse. Uns im Chor hat das nicht betroffen, wir sind ja alle freiwillig da und hatten kein Konzert mit dem Orchester direkt anstehen. Im Zuge dessen habe ich jedenfalls dann auch mal gelesen, was die Orchestermusiker im Schnitt Jahr verdienen: $140.000!!! Das sind rund 100.000 €, ganz schön ordentlich, aber wohl auch gerechtfertigt in einem der besten Orchester der Welt. Uns tangiert es aber jedenfalls nicht, denn das nächste Konzert ist bis auf eine Orgel a cappella. Am letzten Januar-Wochenende singen alle drei unserer Chöre (wir plus Kinder- und Jugendchor) in einem Benefizkonzert zusammen. Die Stückauswahl ist ein ganz klein bißchen gewöhnungsbedürftig, neben 2 Spirituals singen wir zwei anspruchsvolle Bruckner-Stücke, ein pompös arrangiertes Gesangbuchlied (All Creatures of Our God and King, oder zu deutsch: "Lasst und erfreuen herzlich sehr), sowie eine ganz furchtbare Kantate von Britten ("Rejoice in the lamb"), die wirklich gewöhnungsbedürftig ist und ein zeitgenössisches Stück ("Seek him that maketh the seven stars", daher auch der Titel dieses Eintrags), von dem ich euch hier eine Version auf Youtube zum Anhören anbiete:

Damit bin ich nun jedenfalls auch noch fleißig beschäftigt und für unser Schulstück habe ich weiterhin die Hoffnung, dass ich die Rolle der kleinen Elfe Tinkerbell (in Form eines Glöckchens im Bühnengraben natürlich) im Schulstück Peter Pan übernehmen kann. Eines nach dem anderen aber, und damit geht heute auch der nächste Schultag zu Ende, ich schreibe die letzten Zeilen hier in der Schule, packe meine sieben Sachen zusammen und freue mich auf einen gemütlichen Abend mit der Familie (und Schnitzel, haha!). Werde mich bald wieder über die üblichen Kanäle melden und freue mich weiterhin auch über digitale und reale Post aus der Heimat. Bis dahin sendet viele liebe Grüße aus Ohio,
euer Daniel

Freitag, 8. Januar 2010

Snow Day!

Ich kann mich nicht daran in Deutschland jemals schneefrei gehabt zu haben... Hitzefrei ja, aber so viel Schnee gibts ja bei uns in der Pfalz bekanntlich nicht. Dazu muss man sagen, dass es hier in Ohio wirklich viel Schnee braucht um die Schulen lahmzulegen, letzte Nacht gab es aber endlich genug! Am Montag begann ja die Schule schon wieder und jeden Tag blickten alle gespannt auf das Schneetreiben, verfluchten die Räumfahrzeuge und wünschten sich einen Schneetag herbei. Heute wurden unsere Gebete dann schließlich erhört und nachdem letzte Nacht noch mal ungefähr 20 cm gefallen sind und die Räumfahrzeuge nicht schnell genug die Straßen freischaufeln konnten wurde heute die Schule abgesagt. Schnee an sich liegt schon seit letzter Woche, die Temperaturen sind permanent unter null und die Straßen nie wirklich komplett frei. Man gewöhnt sich dran und die Menschen hier im Nordwesten sind es gewohnt und leidensfähig. So wurde dann am Samstag vergangene Woche ganz pragmatisch das Schneemobil ausgepackt und auch bei Wetter in dem sich kein Deutscher daheim vor die Tür wagen würde weiter am Pferdezaun gearbeitet.
Sonntag habe ich dann genutzt meine Unterrichtsvorbereitungen für den Rest des Halbjahres fertigzustellen und am Montag ging es weiter. Aber wie hart das war morgens um 6 aus dem Bett zu kommen. Is ja nicht so wie an der Uni, dass man nach den Ferien mal gemütlich zu nem Kurs um 10 kommt, um 14 Uhr noch eine Vorlesung hat und dann vielleicht abends noch Probe, nein. Hier geht es um 6 aus den Federn, um 20 nach 7 aus dem Haus, um halb vier nach Hause, um halb 6 zur Probe und um halb 12 endlich ins Bett. Aber nächste Woche hab ich mich wieder dran gewöhnt und quäle mich nicht mehr so wie diese Woche noch. Die Schularbeit war hingegen ein Segen. Wegen vieler Chorproben und Weihnachtsfeiern, Projekten und all dem Schmarrn waren die Wochen im Dezember für den Unterricht ganz furchtbar ätzend, während man sich jetzt endlich mal wieder aufs Fach und den Stoff konzentrieren kann. Noch zwei Wochen bleiben Zeit um in diesem Halbjahr Noten zu machen, Tests zu schreiben und Unterrichtseinheiten zu beenden. Das macht dann auch mal wieder richtig Spaß! Natürlich war der Schnee die ganze Woche ein Thema, aber erst letzte Nacht war es genug um unseren Schulleiter zu überzeugen, wobei die Lehrer sich sicher den Schneetag genauso (wenn nicht sogar noch mehr) als die Schüler gewünscht hatten. Und weil nächste Woche das Wochenende auch verlängert ist (der darauf folgende Montag ist "Martin-Luther-King-Tag") haben wir nun zwei lange Wochenenden in Folge vor uns. Die Zeit dazwischen werden wir nutzen, um das alljährliche Theaterstück für das Frühjahr vorzubereiten. Ich weiß ja nicht, wie das Theater-AGs in Deutschland machen, aber wohl sicher nicht so... Dienstag: Rachel (die verantwortliche Lehrerin) entscheidet sich für ein Stück ("Peter Pan", ich freu mich so!); Mittwoch: Das Vorsprechen wird angekündigt; Donnerstag: Die Schüler sprechen für die Rollen vor; Montag: Die Proben beginnen und wenn alles so läuft wie geplant wird das Stück in gerade mal 10 Wochen aufgeführt. Wie immer bin ich natürlich involviert und werde mich wohl um die Piratenlieder und die Fechtkämpfe kümmern. Aber unglaublich wie scheinbar spontan diese Sachen hier aufgezogen werden. Das ganze ist natürlich nur mit der typisch amerikanischen Einstellung zur Schule zu bewältigen. Geprobt wird vier bis fünf mal die Woche für zwei Stunden nach der Schule, da würden dir in Deutschland die Schüler wohl nur den Finger zeigen...
Den Tag heute habe ich genutzt um auszuschlafen, Filme zu schauen und ein paar Bilder zu schießen. Die Ergebnisse meines Weges um das Haus sind wie immer hier anzuschauen. Im Garten, wo der Schnee nun schon seit kurz nach Weihnachten liegt bin ich wohl bis zu einem halben Meter eingesungen, irre Schneemassen für deutsche Verhältnisse. Leider sind die nächsten Berge doch etwas entfernt, sonst würde ich sicher die Ski auspacken und mich nach Jahren auch mal wieder auf die Piste wagen. Bis morgen früh soll es auch noch weiterschneien, mal sehen was noch runterkommt, heute Abend feiern wir erst mal Abschied von Luke, dem ältesten der Cousins. Der war nach dem High-School-Abschluss für zwei Jahre an einer großen Uni im Süden Ohios (Miami University, nein, nicht in Florida, das dachte ich auch zuerst), war nun das letzte halbe Jahr wieder daheim um sich ein bißchen klarer zu werden und geht nun zurück. Also lassen wir es heute Abend noch mal richtig krachen. Bei den Wetterverhältnissen würde ich ja eigentlich nicht mehr nachts durch die Gegend gurken, aber ich muss ja nicht fahren und wie bereits gesagt, die Ohioans sind wesentlich Schlimmeres gewohnt...

Freitag, 1. Januar 2010

The Granddaddy of Them All

Da ist es, das neue Jahr. Nicht mit Pauken und Trompeten haben wir es hier empfangen, sondern mit Flammkuchen und einer Flasche Martini! Sind daheim geblieben und haben mit der Familie den Jahreswechsel gefeiert was sehr ruhig, nett und ein ganz klein wenig langweilig war, weil die älteren Cousins alle bei Freunden gefeiert haben und ich den Abend dementsprechend mit der jüngsten und ältesten Generation verbracht habe. Das war aber auch in Ordnung, die Flasche Martini hat geholfen ebenso wie die Tatsache, dass ich sowieso nicht in besonderer Halli-Galli-Stimmung war. 2009 ist also Vergangenheit, ich bin gespannt, was 2010 für mich bereit hält. Freue mich jetzt auf 6 weitere Monate USA, habe noch viel zu erleben, auch wenn ich mich momentan in Cleveland etwas mehr eingenistet habe als mir eigentlich lieb ist und eher wenig rumkomme. Das zweite Halbjahr wird dann sicher auch wieder spannend, ich will meine Examensarbeit angehen und werde dann wieder ins Studium einsteigen (müssen) und die Musik in Deutschland wieder aufnehmen, in welcher Form auch immer. Bis dahin ist aber noch ein halbes Jahr Zeit und ich gehe eines nach dem anderen an. Zunächst geht die Schule am Montag schon weiter, Ausschlafen ist nicht mehr, und ich habe noch 3 Wochen um Noten für das Halbjahr zu machen.
Nun werdet ihr euch aber sicher wundern, was es mit dem Titel dieses Postings und dem Bild in Footballtrikot auf sich hat. Der erste Januar steht in den Staaten traditionell im Zeichen von College Football. Das ist in den USA wirklich ein großer Sport, überhaupt nicht vergleichbar mit deutschem Uni-Sport, auch wenn man Fußball zum Vergleich heranzieht. Im eher schnellebigen Geschäft des NFL-Profifootballs sind die Fans im College Football vielleicht eine Nummer tiefer verwurzelt und noch enger mit ihren Clubs verbunden. Für uns sind das natürlich die "Buckeyes" (Kastanien) der Ohio State University. Auf dem Bild trage ich ein Jersey im traditionellen Rot, das mir Onkel Bob schon im Oktober geschenkt hat. Immer an und um Neujahr spielen also diverse Uni-Teams in sogenannten Bowls gegeneinander, je nach ihrer Platzierung in ihren Ligen und Divisionen. Ohio State schaffte es dieses Jahr in einen der traditionsreichsten Bowls, den Rose Bowl in Pasadena (genannt "the granddaddy of them all", weil er der älteste Bowl ist) wo sie heute Abend auf den Gewinner der Pazifik-Liga, Oregon, trafen. Bisher hatte ich noch kein vollständiges Football-Spiel gesehen, die Regeln hab ich aber drauf und ein bißchen Taktik verstehe ich inzwischen auch. Der Rose Bowl, den Ohio State mit einem 26-17 Sieg für sich erklären konnte, war also mein erstes ganzes Football-Erlebnis. Obwohl ein Spiel nur 60 Minuten Spielzeit hat, dauert es dank zahlreicher Unterbrechungen über 3 Stunden bis ein Gewinner feststeht. Außerdem gab es vor dem Spiel in Pasadena auch noch einen großen, mehrere Stunden langen Umzug zum Rose Bowl, der dann natürlich auch noch geschaut wird. Langer Tag vor dem Fernseher also, und genau dort ist dann auch das Bild von oben entstanden. Wollte diesen Beitrag ja nicht ungeschmückt lassen.
Nun aber Football beiseite, ich wünsche euch allen ein frohes und segensreiches neues Jahr, viel Glück auf euren Wegen die wir dann ab Juli wieder zusammen gehen werden. Oder wie man in der Pfalz etwas prägnanter sagt: Proschd Neijohr! *hicks*