Montag, 21. Juni 2010

From Sea to Shining Sea

In der Philosophie gibt es einen Begriff, den ich kurz vorstellen möchte: Das Erhabene. Im Englisch-Studium habe ich schon ausführlicher über "the sublime" diskutiert und gelesen, und heute konnte ich kaum an etwas anderes denken. Das Erhabene beschreibt ein Gefühl das sich einstellt wenn man etwas Großem, Mächtigen ausgesetzt ist, ein Gefühl das einen total überwältigt. Schopenhauer beschreibt es so: »Das Extrem des Schönen, wo sich die theoretische Negation der zeitlichen Welt und Affirmation der ewigen, welche durchaus das Wesen aller Schönheit ist..., auf die unmittelbarste, ja fast handgreifliche Weise ausspricht«. Das Extrem des Schönen also. Unter diesem Motto kann meine Reise durchaus laufen, ein Extrem nach dem anderen. Es ist so schwer zu beschreiben wie es sich anfühlt, und natürlich können die Bilder nur ein Minimum von dem transportieren was ich gefühlt habe. Man kann es sich so ein bißchen vorstellen wie das Gefühl dass sich einstellt wenn im Schlusssatz von Beethovens Neunter nach dem Marschteil ganz langsam die Spannung aufgebaut wird, Akkord für Akkord, und die sich dann mit brachialer Freude, Größe und eben Erhabenheit im strahlenden Tutti entlädt. Meine Reise: Eine ständige innere Neunte Sinfonie. Und viel Autofahren! Ich werde nur ein paar Worte zu den einzelnen Stationen verlieren, Bilder zu allem findet ihr im gewohnten Album hier und wer das alles selbst erleben will muss einfach beim nächsten mal mitreisen!
Am Freitag ging es von Coeur d'Alene in knapp 5 Stunden zum Mt. Rainier Nationalpark, einem aktiven Vulkan. Schon auf dem Weg konnte ich den Blick über einen Canyon schweifen lassen, staunte über einen Wasserfall am Straßenrand und genoss die Fahrt über den Pass zum Bergriesen. In allen Nationalparks läuft das Prozedere ungefähr gleich ab. Man zahlt Eintritt an einem der Eingänge und fährt dann zu einem der Besucherzentren von wo es zahlreiche Wanderwege und Aktivitäten gibt. Eigentlich recht einfach, man muss nicht besonders vorbereitet sein, Infos gibt es jeweils dort und dann sucht man sich einfach heraus was man machen möchte. Mein erster Stop war am Ohanapecosh-Fluß an der Südostecke von Mt. Rainier, wo ich eine Wanderung (3 Meilen sind ja jetzt nicht so viel, aber über den Tag verteilt summiert sich das und Spaziergang klingt doof) zu Wasserfällen, und eine weitere zu einer kleinen Flussinsel mit uraltem Baumbestand machte. Von dort wollte ich eigentlich nach Seattle weiter, aber ich dachte wenn ich schon mal hier bin nutze ich auch alles voll aus und bin ins nächste Besucherzentrum, den Berg herauf, gefahren. Leider war es etwas bewölkt und man konnte die Spitze des Vulkans nicht sehen, aber die Fahrt nach oben war trotzdem toll, überall kleine Wasserfälle, irgendwo muss das schmelzende Eis ja abfließen, und recht bald dann auch Schnee und Eis. Wandern konnte man oben dann dementsprechend ohne entsprechende Ausrüstung auch nicht, aber ich genoss die Aussicht von den Zahlreichen Haltebuchten auf dem Weg nach oben.
Weiter ging es dann nach Seattle, wo ich um halb 8 ankam, genau 12 Stunden nachdem ich in Idaho aufgebrochen war. Dort bezog ich bei dem Freund eines Freundes mein Quartier und Kamil und seine zwei Mitbewohner waren wirklich super gastfreundlich, auch wenn die Wohnung ziemlich... chaotisch war. Und gleich ging es weiter, nach Einbruch der Dunkelheit fuhren wir auf die andere Seite der Bucht und genossen den Blick auf das nächtliche Downtown mit der bekannten Space Needle. Am Samstag im Hippie-Stadtteil Fremont große Mittsommerparade, angeführt von Tausenden Nacktradlern, die sich bunt bemalt hatten und der Kälte und dem Regen trotzten. Eigentlich sollte ja der Sommer eingeleitet werden, aber bei mir war da mit 10° C noch nicht viel Summerfeeling vorhanden. Nach den Radlern dann ein Umzug mit allen möglichen "alternativen" Gruppen und danach dann eine Bummelmeile mit Zeug, Essen und allem möglichen, wie man das halt so kennt. War eigentlich ein ganz netter Tag, und Abends ging es dann noch spät auf die Geburtstagsparty von irgendwem und reichlich spät ins Bett.
Am Sonntag Morgen half dann alles nichts, um 7 hieß es wieder aufstehen für mich, ich hatte ja noch einen langen Tag vor mir. Zunächst ging es auf den Pike Street Market, einem bekannten Markt in Downtown Seattle wo Erzeuger selbst Obst und Gemüse verkaufen, frischer Fisch aus dem Hafen kommt und kleines Kunsthandwerk verkauft wird. Außerdem befindet sich dort der allererste Starbucks, wo ich mir einen Kaffee dann nicht entgehen ließ, vor allem weil ich immer noch so müde war. Von dort aus ging es dann mit der Fähre auf die Olympia-Halbinsel, die fast ganz als Nationalpark ausgewiesen ist. Die halbstündige Überfahrt war fast unspektakulär, bis ich den Orca-Wal entdeckte der ein paar hundert Meter vom Schiff schwamm. Schade, dass ich keine bessere Kamera habe, aber ein paar Beweisbilder habe ich immerhin geschossen. Auch hier wieder: Das Erhabene, diesmal in der überraschenden Begegnung mit einem Tier. Nach einer einstündigen Fahrt und war ich in Port Angeles angekommen, wo ich für 2 Nächte ein Motel gebucht hatte. Viel Zeit verbrachte ich nicht auf dem Zimmer, denn natürlich wollte ich gleich in den Olympic Nationalpark weiter und den Tag voll nutzen. Das erste Besucherzentrum ist praktischerweise nur eine Stunde hinter dem Motel und damit wirklich noch gut zu erreichen. Hurricane Ridge ist eine kleinere Bergkette, die so vor den Olympic Mountains gelegen ist dass man von ihr eine tolle Aussicht auf die eigentlichen Berge hat. Ich war etwas skeptisch, weil es furchtbar bewölkt war, aber nachdem ich bei schwerster Sicht durch dichten Nebel den Berg hochgekommen bin und über den Wolken weiterfuhr war der Ausblick gigantisch. Gleich beim ersten Gipfel hielt ich an, zückte die Kamera und freute mich total, aber das wurde dann noch alles bei weitem übertroffen als ich am eigentlichen Zielpunkt angekommen war. Das Erhabene... Auch hier gabs viel Schnee und die Wege in direkter Nähe zum Besucherzentrum waren teilweise noch zugeschneit (und wurden zum Snowboarden genutzt), das hielt mich diesmal aber nicht vom Erkunden ab, und so erkletterte ich 2 kleinere Aussichtspunkte. Dann ging es weiter (und höher) mit dem Auto und von dort auf einen Höhenwanderweg, der wieder tolle Aussichten und zahlreiche Begegnungen mit wilden, aber gar nicht scheuen Hirschen bot. An vielen Punkten musste ich einfach Halt machen und mir selbst an den Kopf fassen, so schön wars. Und wenn ich meinen iPod dabei gehabt hätte, wäre der Soundtrack zu Herr der Ringe sehr passend gewesen, denn mit den Bergen im Hintergrund und einem dichten Wald davor fühlte ich mich doch sehr an Mittelerde erinnert. Heute ist es grade mal Montag und alleine der Sonntag hätte genug Stoff für 3 Bilderalben und Urlaubstage geboten, aber hier geht alles Schlag auf Schlag.
Heute, am Montag, ging es dann ein paar Meilen weiter zum nächsten Besucherzentrum, Sol Duc, wo man im Herbst Lachse einen Wildwasserstrom hoch schwimmend beobachten kann und im Sommer Wanderwege durch einen alten Wald zu Wasserfällen führen. Gerne wäre ich da noch weitergewandert, aber ich hatte so viel geplant dass ich nach einem einstündigen Rundweg schon weiter fahren musste. Nächster Stop war das kleine Städtchen Forks, wo die verfilmte Twilight-Saga spielt und sich Tourismus-mäßig alles umdieselbige dreht. Ich hielt meinen Besuch aber kurz und fuhr gleich weiter zum Rialto Beach. Das besondere am Olympic Nationalpark ist seine Vielfältigkeit. Er umschließt nicht nur die Bergkette und den umliegenden Wald, sondern auch ein unglaublich langes Stück Pazifikküste. Die Landschaft dort war wieder unbeschreiblich schön und ich war einfach nur total froh endlich am Pazifik angekommen zu sein. Vom Parkplatz kletterte ich über ein riesiges Treibholzfeld zum Strand, wo zum Glück (eigentlich nicht Glück sondern mein geplantes Timing) Ebbe herrschte und alle Wege auch tatsächlich erreichbar waren. Den Strand zu beschreiben ist schwierig, aber man kann sich vorstellen, dass dichter Wald bis fast zum Wasser reicht, dann etwas fast wie eine Mauer aus Treibholz und dann Kieselstrand mit ganz glatten, runden Steinen. Überall ragten auch Felsen aus dem Meer die jedes Bild verschönern. Wer will auch nur Wasser auf dem Foto haben? Dem ganzen wurde dann die Krone aufgesetzt als ein Weißkopfseeadler in meiner direkten Nähe einen toten Fisch verspeiste. Leider fühlte er sich wohl gestört und flo(h)g in den Wald, wo ich ihn aber noch eine Weile in den Baumwipfeln sehen konnte. Das Wappentier der Vereinigten Staaten war wohl bedacht, dass ich ihm nicht das Fressen klaue. Von dort ging es weiter nach La Push, einem weiteren Abschnitt des geschützten Pazifiks wo aber kaum Treibholz und dafür echter Sandstrand zu finden waren. Dort entstand dieses Panoramabild:


Danach haderte ich lange mit mir was ich noch machen sollte, der Hoh-Regenwald war ungefähr eineinahlb Stunden südlich, aber es war bereits 4:30 Uhr und ich wollte mich nicht hetzen. Außerdem liegt der morgen auch noch auf dem Weg. Also entschied ich mich, zum Cape Flattery zu fahren, der Spitze der Halbinsel, die den nordwestlichsten Punkt der gesamten zusammenhängenden USA (also ohne Alaska) markiert. Ich fühlte mich sehr an die Küste in der Bretagne erinnert, aber mit dem dichten uralten Wald im Rücken war es dann doch irgendwie anders. Es war ein ganz tolles Gefühl an diesem Punkt zu stehen, von da ging es wirklich nicht mehr weiter, ich hatte das Gefühl ich habe alles ausgereizt. Eben "from sea to shining sea". Unglaublich, wie weit ich in diesem einen Jahr gekommen bin. Von New York City über Cleveland nach Florida im Süden und nun hier im Westen. Die Zufriedenheit die sich damit einstellt ist schwer beschreibbar. Aber eben darum begann ich diesen Beitrag mit der philosophischen Einleitung: Erhaben wars, besser kann man es nicht umschreiben. Um zum Kap zu kommen musste ich übrigens ganz schön viel Fahrt in Kauf nehmen, denn die Spitze ist natürlich nicht über die Schnellstraße zu erreichen. So war ich ca. eineinhalb Stunden auf dem weg zum Cape unterwegs, entlang an der Küste, hoch, runter, Serpentinen, durch Indianerreservate, an kleinsten Fischerdörfchen vorbei. Zurück nach Port Angeles war es dann auch nicht besser, für die 70 Meilen (112km) brauchte ich über 2 Stunden, aber gelohnt hat es sich total. Ich glaube besser ginge es nur noch mit einem Sonnenuntergang vor Ort, aber mit der langen Rückfahrt und der Tatsache dass heute der längste Tag des Jahres war, war mir das dann doch etwas zu viel. Beim nächsten mal!
Morgen knacke ich dann die 1000-Meilen-Marke auf dem Weg zurück nach Seattle. Drei weitere Stops habe ich geplant im Nationalpark, eine Pazifikküstengegend und zwei Regenwälder, und spät abends übernachte ich dann in einem sehr billigen Motel direkt am Flughafen, denn am Morgen geht es nach San Francisco. Und selbstverständlich bin ich dann auch dort wieder auf der Suche nach dem Erhabenen!

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