Dienstag, 13. Oktober 2009

Oh, Canada!

So, da bin ich also wieder. Heil zurückgekommen aus dem Land der Elche und des Ahornsirups. Viel gibt es zu berichten vom Wochenende in Kanada und ausnahmsweise habe ich grade auch mal etwas Zeit um einen bemühten und strukturierten Bericht abzugeben. Warum das so ist, später mehr.
Die Vorbereitungen für das Wochende waren ziemlich ätzend, denn Flo hat kein Internet in Kanada und das machte die Kommunikation etwas schwierig. Zufällig trafen wir uns dann aber doch mal im Chat und konnten unsere Pläne für das Wochenende festigen. Für mich hieß es außerdem auch den Unterricht für Freitag vorzubereiten, den Tante Karen netterweise für mich übernommen hat. Dass das ganze dann nicht ganz so geklappt hat, lag allerdings weniger an meiner mangelnden Vorbereitung als eher an Schülern die unwillig waren sich auf die Vertretung einzulassen. Wie dem auch sei, ich hatte also Freitag frei und konnte mich morgens auf den Weg nach Niagara Falls in Kanada machen. Auf der 4-stündigen Fahrt passierte nun wirklich gar nichts, ich fuhr durch Pennsylvania und New York State, und auch die Einreise nach Kanada war gar kein Problem. Das Langstreckenfahren hier kann wirklich eklig sein, denn schneller als 65 (oder 75 wenn man ein Auge zudrückt) Meilen in der Stunde darf man nirgends fahren. Also tuckert man so mit 110 Sachen (km/h diesmal, wohlgemerkt) durch die Landschaft, es gibt viel zu viele Spuren und alle paar kilometer überholt man im Schneckentempo mal ein anderes Auto, das vielleicht 2 mp/h langsamer fährt als man selbst. Auch LKWs und Wohnwägen fahren exakt das Tempo, so dass das übliche deutsche ständige Überholmanövrieren ausbleibt. Eigentlich eine ganz angenehme Erfahrung dass man einfach auf die linke Spur ziehen kann ohne Angst zu haben von einem BMW mit 200 Sachen aus der Spur gedrängt zu werden, weil man genau weiß, dass das Auto im Rückspiegel noch genau so weit entfernt ist wie 5 Minuten zuvor. Jedenfalls fuhr ich also laut singend (Dream Theater, Les Miserables, AFI und Muse!) durch regnerische Herbstlandschaften, nicht gerade die angenehmste Fahrt, aber okay genug um nicht ins Steuer beißen zu müssen.
In der Ortschaft Niagara Falls in Kanada angekommen stellte ich fest, dass der Busbahnhof wo Flo eine halbe Stunde später ankommen würde nur ein paar Hundert Meter von unserem Bed & Breakfast entfernt war, das sowieso ziemlich klasse gelegen war, nur ein paar Gehminuten von den Fällen und den Stromschnellen entfernt. Das Bed & Breakfast an sich, Blythewood Manor, hat gerade letzten Monat den Besitzer gewechselt und wird momentan renoviert, neu gestrichen und umdekoriert was aber nichts an der Tatsache änderte, dass die Besitzer super gastfreundlich und zuvorkommend waren, das viktorianische Haus ein Augenschmaus, das Frühstück ausgezeichnet und das Bett unheimlich komfortabel. Ich erwartete ja ein älteres Ehepaar, sie mit lila Haaren und er leicht dement, das war irgendwie so das Bild von Bed & Breakfast wie ich es mir vorgestellt habe. Umso überraschter war ich dann als eine junge Dame die Tür aufmachte, schwarze Klamotten, Eyeliner, gefärbte Haare, Piercing. Als er dann dazukam mit langen schwarzen Haaren, Gothic-Hemd und Tätowierungen war der Eindruck perfekt, nut noch abgerundet von einem schwarzen Leichenwagen (Cadillac), den wir später im Hof entdeckten. Unser Zimmer selbst war jetzt nicht besonders groß, hatte aber ein riesiges Bett, in dem man zu viert hätte schlafen können. Kleines pikantes Detail: Die Badewanne / Dusche war nicht wie man vielleicht erwartet hätte im Badezimmer, sondern im Zimmer selbst, gegenüber des Bettes, was erst mal für verdutze Gesichter sorgte. Am nächsten Morgen haben wir uns aber ganz gut organisiert, so dass jeder duschen konnte, ohne sich vom Bett aus beobachtet fühlen zu müssen. Flo kam dann also auch pünktlich an und nach einer kurzen Inspektion des Zimmers ging es trotz Regen zu den Fällen, was soll man auch machen?
Und Mannomann, das ist ne ganz schön große Menge an Wasser, die da runterläuft. Um genau zu sein 164 Millionen Liter pro Minute (!!!), die den Bach heruntergehen. Die ersten Bilder sind leider alle ziemlich grau in grau geworden wegen dem Regen, aber wie immer sind alle Bilder hier ersichtlich. Der Touristenansturm hielt sich dann bei dem Wetter auch ziemlich in Grenzen, was doch ganz nett war. Da wir einen Pass für 4 Attraktionen hatten, entschlossen wir uns, das 4-D-Kino schon am ersten Tag zu besuchen, da konnte man dann wenigstens im Trockenen drinnen sein. Dumm nur, dass "Niagara's Fury" nicht nur aus einem netten Animationsfilm bestand, sondern auch aus Schnee, Regen und Gewitter, das einem ins Gesicht gesprüht wurde. Also vom Regen in die Traufe... Auf dem Rückweg zum B&B besuchten wir dann Clifton Hill, die Touristenstraße im Ort. Ein überbeleuchtetes Gruselkabinett reiht sich an die nächste Spielhalle, Kuriositätenhäuser, Burgerketten, alles was man will. Und genau dort wo wir es dann nicht unbedingt erwarteten fanden wir nach einem kurzen Abstecher im B&B um Schirme zu holen und etwas zu trocknen eine wunderbare Pizzeria mit italienischer Steinofenpizza, keine Selbstverständlichkeit in den Staaten, wo Pizza einfach nur lapprig, fett und meist recht geschmacklos serviert wird. Nach Anbruch der Dunkelheit sind die Fälle immer beleuchtet, was zwar kitschig, aber auch praktisch ist, sonst würde man sie ja nicht sehen. Zu Ehren unseres Besuches gab es dann noch ein Feuerwerk, dass aber nicht wie von uns erwartet über den Fällen, sondern eher über unseren Köpfen stattfand. Mit den Fällen im Hintergrund gab das aber auch nette Bilder und Eindrücke.
Den nächsten Tag begannen wir dann (nach dem wunderbaren Frühstück mit Fruchtjogurth, French Toast, Waffel mit frischen Erdbeeren und Tee) mit einem Spaziergang am Niagara River entlang zu den Stromschnellen, die ca. 5 km von den Fällen beginnen. Die Macht dieses Wassers ist kaum vorstellbar und auf Kamera sowieso nicht festzuhalten, aber wir kamen am Ufer schon ganz schön nahe heran und im schmalen Flusstal schlugen die Wellen ordentlich hoch. Ein paar Kilometer weiter flussaufwärts macht der Fluss dann einen starken Rechtsknick und hat sich dabei im Laufe der Jahrtausende ein Becken geschaffen, in dem der Strom die Richtung wechselt, was einen großen Strudel kreiert. Das Ganze nennt sich dann Whirlpool und kann mit einer Seilbahn überfahren werden, was wir uns aber sparten. Der Weg zurück zu den Fällen führte uns dann entlang der River Road mit den wundervollen Herbstfarben der Laubbäume die es überall gibt. Hatte ich eigentlich erwähnt, dass das Wetter Samstag traumhaft schön war? ach Freitag war wohl auch wirklich nirgendwo im Himmel mehr Regen übrig, so dass die Sonne uns wirklich verwöhnte. Kalt war es trotzdem, aber alleine die Farbenpracht im Sonnenschein zu sehen war unglaublich. Die Fälle waren dann auch wesentlich schöner anzusehen als am Tag zuvor und so verbrachten wir viel Zeit damit, an den Fällen zu spazieren, gefrorenen Joghurt mit frischen Früchten zu essen und uns über den Modegeschmack der anderen Touristen lustig zu machen. Highlights waren außerdem noch die "Maid of the Mist", eine Bootstour die nahe an die Fälle heranführt und nur mit kleidsamen blauen Regencapes zu absolvieren ist, und die "Journey Behind the Falls", die einen nicht nur hinter die Fälle (ziemlich langweilig), sondern auch direkt neben die Fälle (spannend, beeindruckend!) führt (in gelben Ponchos diesmal). Die Touristendichte war dem Wetter entsprechend natürlich viel viel höher als am Tag zuvor, was aber durch die wunderbaren Regenbögen wettgemacht wurde, die dden ganzen Tag über den Fällen zu sehen waren.
Eine kurze Lektion in Sachen Niagarafälle. Die Wasserfälle verbinden Lake Erie (wo ich wohne) und Lake Ontario und bilden dabei die natürliche Grenze zwischen Kanada und den Vereinigten Staaten. Genau genommen handelt es sich bei den Fällen um 3 Wasserfälle. Die American Falls zu linken, eine breite Wasserwand, die man frontal von der kanadischen Seite beobachten kann, die "Bridal Vail Falls" (Brautschleierwassefall), rechts davon, der eher klein ist, sowie die riesegen "Horseshoe Falls" (Pferdehuffälle), über die 90% des Wassers fließen und in einem riesigen Halbkreis runterfließen. Wer mehr wissen will, der belese sich dann bitte selbst, dafür gibt es ja Wikipedia.
Abends gingen wir dann jedenfalls noch mal Essen (internationales Buffet, vergleichsweise günstig und viel, aber irgendwie auch ein bissel eklig alles), spielten Minigolf bei Schwarzlicht und genossen ein letztes Mal die Fälle bei Nacht. Am nächsten morgen fuhr Flo dann wieder zu seiner Großtante nach Kitchener und ich zurück nach Cleveland, nicht ohne noch mal einen letzten Blick auf die Fälle zu erhaschen. Mit dem tollen Wetter am Samstag war das Wochenende wirklich wunderschön, aber natürlich nicht nur wegen den Fällen, sondern weil ich auch das erste mal hier einen meiner lieben Freunde aus der Heimat getroffen habe (für alle Nicht-Incies: Flo hat König Ludwig bei den Musketieren gespielt). Die Fälle an sich waren natürlich unbeschreiblich beeindruckend, und sind wohl eines der größten Naturspektakel, das man auf der Welt sehen kann.
Die Heimfahrt war dann mit dem neu entdeckten Tempomat, nettem Wetter und den farbigen Laubbäumen rechts und links von der Straße noch mal angenehmer als die Hinfahrt. Als ich dann zu Hause war, hatte ich vom Wochenende scheinbar noch nicht genug und so fuhr ich 15 Minuten nach meiner Ankunft gemeinsam mit ein paar meiner Cousinen und Freunden, die übers Wochenende aus New York State zu Besuch waren nach Cedar Point, einem der größten Vergüngungsparks der Welt, mit der weltweit zweithöchsten und zweitschnellsten Achterbahn der Welt. Nun gab es aber zwei Probleme: Erstens, ich war nach der Fahrt und dem Wochenende ziemlich müde und nicht so wirklich begeistert von den Achterbahnen und Zweitens, diese modernen, schnellen Achterbahnen sind nicht wirklich für Menschen meiner Größe (*hust*) ausgelegt, so dass ich auch wenn ich gewollt hätte, nur die wenigsten hätte fahren können. Außerdem war es scheißkalt, so dass ich mir doch irgendwann wünschte daheim geblieben zu sein. Kleines Trostpflaster war das Halloween-Special mit vielen Grusel-Attraktionen, sowie das Riesenrad und ein leckerer Latte, den ich gegen die Kälte trank. Nachts dann endlich daheim freute ich mich wirklich auf mein Bett und den freien Montag. Gestern war hier nämlich Columbus Day, kein offizieller staatlicher Feiertag, aber unsere Schule war zu und ich konnte ausschlafen, Bilder sortieren, Mails schreiben und alles nachholen was übers Wochenende liegen geblieben war.
Abends war dann außerdem der Auftakt zu einer sehr musikalischen Woche. Mit dem Cleveland Orchestra singen wir diese Woche drei mal Brahms deutsches Requiem und proben drei mal dafür. Den einzigen freien Abend verbringe ich dann am Freitag beim Herbstbankett von CCS, wo ich solo singen werde. Wie immer ist alles improvisiert, ich hab noch keine Ahnung wer mich begleitet und ob ich das Stück hinbekomme. Aber auch das wird wie immer klappen und ich mache drei Kreuze wenn die Woche rum ist, obwohl ich mich tierisch auf die Konzerte freue. Und um nun den Bogen zum Anfang dieses Eintrags zu schließen: Heute Abend findet eine öffentliche Probe statt, zu der ich ein paar Schüler mitnehme. Daher sitze ich nun also in der Schule weil es sich nicht wirklich lohnt heimzufahren und dann wieder zurück um die Kids abzuholen. Aber immerhin bescherte euch das den längsten Blogeintrag bis dato (vermute ich mal, ich zähle aber keine Wörter!).
Wie immer freue ich mich auch diese Woche über Post und Nachrichten aus der Heimat, auch wenns mal länger dauern könnte mit meiner Antwort.

3 Kommentare:

  1. Endlich ;-), der sehnsüchtig erwartete Blog-Eintrag über dein Kanada-Wochenende!

    Mein Kommentar dazu:
    *auch will*
    Bei manchen Bildern haste die Fälle echt gut getroffen und sie machen Lust auf "mehr"!

    Wünsch dir noch eine schöne musikalische Woche!
    Lg Silke

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  2. Lieber Daniel...
    Wie schön, dass du mit deinen Schilderungen zu den Niagara Falls auch meine Erinnerungen weckst...ich hatte schon recht lange nicht mehr daran gedacht, wie beeindruckend und schön es da ist.
    Freut mich, dass es dir gut geht!
    Und dann auch noch vielen Dank für deine Geburtstagsgrüße!
    Sei umarmt,
    Christine

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  3. Also das gelbe Cape ist um einiges kleidsamer als das Blaue ...

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