Sonntag, 23. August 2009

Home, Sweet Home

Da bin ich nun also, in Cleveland. Oder sagen wir besser: Sheffield Village, denn von Cleveland selbst habe ich noch nichts gesehen. Am Freitag kam ich hier an und wurde erst mal von der Nachricht überrascht, dass ich nicht wie geplant bei Karen Doane und ihrer Familie wohne, sondern mit Karens Eltern. Gut, war mir auch recht, da das sowieso der ursprüngliche Plan gewesen war. Wie lebe ich also hier? Nun, sagen wir mal so: Den Gerents geht es nicht zu schlecht... Beides sind Immigranten, seit über 50 Jahren in den Staaten, aber sprechen noch ausgezeichnetes Deutsch. Beide sind über 70, wie alt genau habe ich noch nicht herausgefunden und haben 3 Kinder. Insgesamt wird hier Familie RIESENGROSS geschrieben. Vor allem Christa, oder Omi, wie sie hier nicht nur von ihren Enkeln genannt wird, ist eine herzensgute Frau, die mich hier mit offenen Armen empfangen hat. Harry (oder auch "General") ist etwas reservierter, ein Workaholic (auch noch mit über 70) und schweigsames Familienoberhaupt, in dem aber ein ganz lieber "Opi" schlummert. Heute ist er mir gegenüber das erste mal ein wenig aufgetaut und hat mich für Mittwoch in sein Jagdhaus in Süd-Ohio eingeladen. Bei den Gerents wohne ich also in einem verdammt großen Haus (siehe Bild, unten dann die Rückansicht und ein Blick in mein Wohnzimmer) und habe im Endeffekt den ganzen Keller für mich, ein Schlafzimmer, großes Bad, und ein riesiges Wohn- / Hobbyzimmer mit TV, Sportgeräten, Pooltisch und Orgel. Natürlich wird das auch von den Enkeln genutzt wenn die zu Besuch sind, aber generell habe ich da unten mein eigenes Reich, in dem ich mich sehr wohl fühle.
Ein kurzes Wort zur Familie und zu den Enkeln. Die 3 erwähnten Kinder von Christa und Harry haben es nämlich ingesamt auf stolze 17 (!) Kinder gebracht. In den 3 Generationen sind das also 25 Gerents, die alle recht nah zusammen wohnen und eine wunderbare Großfamilie bilden. Gestern Abend hatten wir mehr als die Hälfte zum Abendessen hier (plus 6 Freunde der Enkel die dazwischen herumwuselten) und alle sind sehr nett und haben mich gleich in ihren Kreis aufgenommen.
Mein Wochenende aber von vorne: Am Freitag lernte ich die erste der Familien kennen, Nancy und ihren Mann Bob, mit insgesamt 5 Kindern. Dort gab es Dinner und Bob hat mir nicht nur die Rugbyregeln erklärt, sondern ist mit mir auch durch Wald und Wiese zum benachbarten Baseballstadium gelaufen, wo wir uns hereingeschlichen haben, ein Bier tranken und 2 Homeruns in 2 Innings sehen konnten. Jeden Freitag gibt es hier ein Feuerwerk nach den Spielen der Lake Erie Crushers, das man wunderbar von Bobs Terasse beobachten kann. Samstag fuhren wir dann das erste mal an die Schule, wo "Work Day" war. Es wurde also in Eigenleistung viel hergerichtet, ich habe meinen Klassenraum eingeräumt und sowohl Rick, den Direktor, als auch ein paar meiner Kollegen kennengelernt. Mein Raum ist ziemlich klein, aber ich unterrichte ja auch nur kleine Deutschklassen, dafür aber klimatisiert. Mehr zur Schule schreibe ich, wenn ich nächste Woche genaueres weiß. Samstag Abend dann Dinner mit der Großfamilie, wonach mich die ältesten Enkel mit ins Kino genommen haben um Tarantinos "Inglorious Basterds" zu sehen. Den kann ich nur empfehlen, ich bin ja normalerweise kein Tarantino-Fan, aber ich hab mich wirklich köstlich amüsiert. Brad Pitt ist zum Schießen komisch und Christoph Waltz wird sicher für einen Oscar für seine Darstellung nominiert!
Heute ist dann also Sonntag und ihr seht wie viel hier immer los ist und warum ich nicht früher geschrieben habe. Um 11 (sehr angenehme Zeit) ging es heute in die Kirche. So ganz habe ich noch nicht herausgefunden, was das hier ist, aber man versteht sich hier als "non-denominational", also an keine Konfession fest gebunden. Ganz sicher kann man aber von sehr bibelfundamentalen Evangelikalen sprechen. Der Gottesdienst war sehr erträglich. Die Liturgie ist eine ganz andere als bei uns. Zuerst wurde 20 Minuten gesungen (wobei mir meine Blattlesefähigkeit stark geholfen hat, danke CollMus!), danach über 40 Minuten gepredigt. Es ging darum wie toll es doch ist, dass wir alle in den Himmel kommen, weil wir an Jesus glauben. Mein Lieblingssatz war: "We know we're all going to heaven, isn't that totally coooooool?" Insgesamt sehr lockere Atmosphäre, viele Kinder. Eigentümlich war, dass die Gemeindemitglieder alle Bibeln dabei hatten, aus denen sie mitgelesen, nachgeschlagen und sich Notizen gemacht haben. Ich glaube, damit kann ich mich für ein Jahr lang arrangieren, auch wenn ich hier mit einem liberalen und sozialdemokratischen Gesellschaftsverständnis sicher anecken würde und ganz sicher jede politische Diskussion zu vermeiden versuche. Denn eins ist klar: Inklusive aller Enkel, Kinder und Großeltern wurde hier McCain gewählt...

4 Kommentare:

  1. Na, da hast du es ja ganz gut getroffen, freut mich! Bin ich mal gespannt, wie sich dein Leben in der Großfamilie die nächsten Tage und Wochen (und Monate) entwickelt und wann es zur ersten größeren Diskussion über Politik und die Welt kommt ... ;-)

    Wünsch dir einen erfolgreichen Start ins Schulleben!

    Gruß & Kuss, Silke

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  2. Uh oh, da bist du wohl im wahrsten Sinne des Wortes im Bible-Belt gelandet ;-)
    Aber sonst klingt das doch alles schon ziemlich gut. Ich bin ja mal gespannt, was du über den Deutschunterricht zu berichten hast.

    LG, Katharina

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  3. mmpfh... die wichtigste frage... wie sind die hot dogs...?

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  4. Ich finds lustig, dass du schon anfängst, kleine Anglizismen in deinen Blog einzubauen, siehe "wohne mit Karens Eltern" und ihnen "geht es nicht zu schlecht". Solche Kleinigkeiten gehen echt immer als erstes flöten ;-)
    Schöne Grüße von jemandem, dem es genauso ging.
    Insgesamt sehr interessant zu lesen, was du so treibst!

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